Handtaschen - Seide von der Weide


Wenn Andreas Mann der Königin von Thailand unter die Augen tritt, senkt er den Blick und zieht Schuhe und Strümpfe aus. Dann greift er nach seinen weißen Stoffhandschuhen und nimmt das Tablett in beide Hände, als serviere er gleich den Tee. Dabei geht es in Wahrheit allein um die Handtasche, die er vorsichtig wie allerfeinstes Porzellan durch den Raum trägt. Die Handschuhe hat er sich rasch übergestreift, weil das Leder so empfindlich ist - und die Königin vielleicht auch. Die Landessitte verbietet eine Berührung mit Dingen, die sie selbst in die Hand nehmen will.

„Aber wie führt man solch eine Handtasche vor, wenn man nichts anfassen und nichts erklären soll, sondern allenfalls stumm vorzeigen und dann wie beiläufig zur Seite legen?” fragt er achselzuckend. Schließlich ist das kein Mitbringsel, keine Morgengabe aus dem Abendland, sondern Luxus in Hochkultur - wenn auch, ganz profan, eine ordinäre Handelsware. Zu Preisen freilich, die in Siams ehrwürdigem Palast niemand auch nur hinter vorgehaltener Hand zu raunen wagt. Eine Hofdame wird sich die Zahlen dezent lächelnd einprägen, der Lakai am Ende wortlos eine Liste weiterreichen und der Hoflieferant sich verstohlen eine Notiz machen, falls ein anderes Leder gewünscht wird: Kroko zum Beispiel oder eine abweichende Farbe und Ausstattung - statt „wineberry” oder „graylilac” lieber „lacquer” oder irgendein unverfänglicher Schwarzton, dazu die Metallteile nicht auf Hochglanz, sondern dezent matt poliert. Jeder Handtaschenwunsch wird von erfahrenen Taschendesignern erfüllt. Das Wort Diskretion ist selbstverständlich.

Was kostet ein solches Luxusteil im Laden? Derzeit liegt der Stückpreis zwischen 2500 und 8200 Euro, sofern man sich an den Mustern orientieren mag, die mit Rücksicht auf die Laufkundschaft stets am Lager sind. Wer exklusivere Handtaschenwünsche hat, sich an Japans Kronprinzessin Masako oder an Königin Silvia von Schweden ein Beispiel nimmt, wird mit 15.000 Euro nicht auskommen. Die Frage, was Bundeskanzlerin Merkel für ihre Tasche bezahlt hat, blieb dagegen ausweichend unbeantwortet.

Veranstaltungen wie der in Jahresabständen stattfindende Hausbesuch am Hof von König Bhumipol und Königin Sirikit werden im Kalender des Offenbacher Lederwarenfabrikanten Andreas Mann lakonisch unter dem Kürzel CSO geführt: „customer's special order”. Das sind, rund um den Erdball, Sonderverkäufe im allerkleinsten und feinen Kreis, meist nur unter vier oder sechs Augen. Dabei geht es dann allerdings weder um Preise noch um Rabatte, sondern allein um die persönlichen Vorlieben der fast ausschließlich weiblichen, teils betuchten, gelegentlich hochwohlgeborenen, also fürstlichen bis hochherrschaftlichen Kundschaft. Wenn deren Wünsche nicht seit langem bekannt und verläßlich gespeichert wären, nähme man sie auf der Stelle mit allen Details präzise zu Protokoll: das jüngste Modell durchaus, nur ein wenig kleiner oder größer, aber mit breiterem oder schmalerem Bügel und in einer anderen Farbe, doch nicht aus dem geschmeidigen Bauchfell eines Krokodils vom Nil oder eines Florida-Alligators, sondern aus mindestens genauso apartem und vergleichbar kostspieligem Roßhaar gearbeitet.

Welche Frau wünscht sich nicht, dass eine Designer Tasche wie diese ihr Handgelenk zieren möge? Eine exklusives und nicht alltägliches Handtaschenmodell, welches es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt?

Wie „Seide von der Weide”, sagt Andreas Mann gern, wenn er, mit sanft gedämpfter Oberstimme, die verhaltenen Stolz verrät und weltläufiges Understatement erkennen läßt, auf die Handtaschen aus Roßhaar zu sprechen kommt. Diese Redensart ist längst zum geflügelten Werbe-Wort geworden - in der Firma Comtesse zumindest, deren Geschäfte Mann seit einer Reihe von Jahren führt. Das Unternehmen gehört zu der in Hongkong ansässigen Luxus- und Lifestyle-Gruppe Egana-Goldpfeil und fertigt unter anderem solch exquisite Accessoires im oberen Luxussegment. Neidische Blicke auf die Trägerinnen solch ausgefallener Handtaschenmode sind garantiert.

Produziert wird schon seit Generationen auf dem Land vor Offenbach, der ehemaligen Metropole der lederverarbeitenden Industrie in Deutschland. Auch wenn die Zunft der Feintäschner leider allmählich auszusterben beginnt - bei Comtesse, das seine Produktionsstätten vergrößert und vor zwei Jahren vom Stammsitz in Hausen nach Dietzenbach an den Rand des Rodgaus verlegt hat, sind es immer noch 27 Mitarbeiter, die sich auf die Feinheiten dieses Kunsthandwerks verstehen: aufs beherzte Zuschneiden mit verläßlichem Augenmaß also und aufs Steppen und Nähen ebenso wie aufs akkurate Kleben. Wenn man sich ein wenig aufs benachbarte Handwerk versteht, aufs Kürschnern zum Beispiel oder auf die Schuhmacherei, ist das sehr willkommen - von anderen kunstvollen Techniken ganz zu schweigen. Die jüngste Feintäschnerin des Unternehmens beispielsweise hat ihre Meisterprüfung im vergangenen Jahr in der Offenbacher Buchbinder-Klasse abgelegt.

Handwerk hat eben doch goldenen Boden - in der Designer Mode ganz bestimmt.

Quelle: FAZ Nr. 9 / 05.03.2006

© Copyright Handtaschenmode.info - Alle Rechte vorbehalten.